Die 19. Gassensensationen im Rückblick
Die 19. Gassensensationen vom 6. bis 9. Juli 2011 haben bei den vier Veranstaltungstagen 36 Veranstaltungen mit einer breiten Angebotspanne präsentiert und trotz etwas wechselhafte Wetters, über 26.000 Besucher verzeichnet. Nach den diesjährigen Gassensensationen haben nun fast 330.000 Besucher seit 1993 über 630 Aufführungen bei freiem Eintritt gesehen. Die Stadt Heppenheim als Veranstalter zieht eine insgesamt sehr positive Resonanz des 19. Straßentheater Festivals.
Freilichtbühne
Auf der Freilichtbühne als größtem Einzelveranstaltungsort wurde am Mittwochabend Leo Bassi präsentiert. Bassi zu begegnen ist immer ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst. Schon mehrfach war er in Heppenheim zu Gast. In diesem Jahr noch einmal mit seiner Kult-Show „Weird Instinct“. Bassi balanciert virtuos zwischen Sein und Schein, zwischen Schmerz und Nervenkitzel.
Theater Gajes aus Holland war am Freitag und Samstag mit seiner Platzinszenierung „Don Quixote“ auf der Freilichtbühne zu Gast. Gleich zwei Inszenierungen zu Don Quichotte waren in diesem Jahr im Festival zu sehen. Die Gajes Inszenierung führte die Zuschauer ins 21. Jahrhundert: Theater Gajes schrieb das letzte Kapitel des genialen Heldenromans neu. Don Quichotte war immer nah genug, seine Zuschauer zu begeistern aber auch zu verwirren. Beeindruckende Objekte, lockige Schafe, ein riesiges Pferd, verrückte Darsteller und virtuose Musiker – ein außergewöhnliches Erlebnis, in dem sich nicht nur die Windmühlenflügel drehten.
Kirchplatz
Der zweitgrößte Veranstaltungsort, der Kirchplatz vor der Pfarrkirche St. Peter war ebenfalls, gleich mehrfach, sehr gut besucht. Den Anfang machte am Mittwoch Habbe & Meik. Das virtuose und vielfach preisgekrönte Masken- und Comic-Duo Habbe und Meik zieht seit 20 Jahren das Publikum in seinen Bann. In diesem Jahr hatten die beiden die besten Nummern aus ihren Programmen zu einem „The Best“ vereint. Traumhaft inszeniert, verkörpern sie eine Reihe von naiven Persönlichkeiten, Träumern und Liebenden, allesamt gefangen in ihren kleinen Welten mit ihren alltäglichen Überraschungen. Sie begeisterten ihr Publikum und brachten die Zuschauer, auch ohne Worte, zu Beifallsstürmen und unzähligen Lachtränen.
Spontan trat Georg Traber am Donnerstag Abend mit „Hikohki Gumo“ als (kleinen) Ersatz für die wegen Regens abgesagte Vorstellung von Habbe & Meik auf. 20 inspirierende Minuten circensische Erfindung alter Tradition mit 12 Hasel-Stecken – einer Schnur und Grazie. Ein Dutzend geschälte, weiß lasierte Hasel-Stecken mit roter Schnur zusammengebunden. Alle Stecken mit der Schnur verspannt und sorgsam über Kreuz gestellt bilden ein filigranes Kunstwerk. Für sich alleine stehen und schaukeln sie fast schwerelos. Viel Unausgewogenheit erträgt die prekäre Balance: Ein Stecken nach dem anderen wird von den sich kreuzenden Fächern getrennt und weggesteckt, durch das blaue Gewand geschoben. Im Innern der Kleider ist schließlich kein Platz mehr; der Körper macht sich davon. Eine neue Struktur hält sie weiterhin aufrecht und erinnert an fließend fliehende Bewegung.
Bei Mimbre aus Großbritannien begaben sich drei Freundinnen auf eine Reise. Eine verträumte Suche mit Tanz, Akrobatik und Musik. „Until now“ zeigte neue Welten eines poetischen Universums, in dem es um Leichtigkeit, Abschied-Nehmen und die ungeheure Kraft der Freundschaft ging.
Parkplatz Amtshof
Zum zweiten Mal wurde der Parkplatz in der Amtsgasse ohne das Festivalzelt bespielt – und hat einmal mehr seinen wunderschönen Rahmen gezeigt.Die Theaterfirma Erfurt präsentierte hier die zweite „Don Quichotte“ –Inszenierung. Tragikomisch brachten Christiane Weidringer und Klaus Michael Tkacz ihren Don Quichotte auf die Bühne und waren – wie ihr Titelheld – Stehaufmännchen, die mit den Waffen der Phantasie gegen Windmühlen und Weinschläuche kämpften.
Der Dichter, Erfinder und Improvisateur Peter Spielbauer verstrickte sich und das Publikum am Freitag und Samstag am Amtshof in ein verrücktes Spiel mit Worten, Gestik und Objekten. Durch seine unnachahmliche Komik entstanden skurrile Bilder – die Welt stand, wortgewaltig, Kopf! Mit schla schla zeigte Peter Spielbauer ein „philosokomisches“ Theatersolo über die Liebe, über Einstein und überhaupt vom Wichtigsten im Leben.
Marktplatz
Eine Performance aus 47 Stangen aus Eschenholz und einem Sack voller Seile präsentierte Georg Traber aus der Schweiz mit „Heinz baut“ am Mittwoch auf dem historischen Marktplatz. Über drei Stunden band der Schweizer Künstler die Stangen zu einem 13 Meter hoch aufragenden Turm zusammen, um diesen anschließend wieder aufzulösen. Eine artistisch-philosophische Langzeitunterhaltung!
Alte Sparkasse
Fest im Veranstaltungsplan der Gassensensationen steht auch der Hof der Alten Sparkasse. Der nordhessische Figurenspieler Albert Völkl, schon seit Jahren gern gesehener Künstler des Festivals, spielte und erzählte mit seiner für Heppenheim geschriebenen Geschichte „Ratz Pfeifer“ die Erlebnisse einer kleinen Ratte, die man aus der Stadt Hameln geworfen hat. Sie muss auf Wanderschaft gehen. Am Ende findet sie aber dann doch noch das große, kleine Rattenglück in Heppenheim. Die Premiere des Stücks war gleichzeitig auch der Start für Ratz Pfeifers Abenteuer in Heppenheims Laternenwelt.
Der Heppenheimer Laternenführer Uwe Pfeifer spielte zudem eine Ratz Pfeifer Geschichte im Bauchladentheater. Die Geschichte „Der zottige Bock“ ist von Maja Dittrich ersonnen worden. Sie ist eines der Heppenheimer Grundschulkinder, die im Zuge eines Wettbewerbs des Stadtmarketing zwischen den Heppenheimer Grundschulen, eingeladen war, Ratz das ein oder andere Abenteuer mit bekannten Heppenheimer Sagengestalten auf den Leib zu schreiben.
Park am Landratsamt
Der kleine Park des alten Landratsamtes war ein verträumter Ort für die Aufführungen der Eigenproduktion der Stadt und Sebas aus Spanien. Die Produktion „... träumen ... „ in der Regie von Judith Senger, war am Mittwoch und Donnerstag nach „Romeo und Julia“ im Jahr 2009 und „Carmen“ im vergangenen Jahr die diesjährige Eigenproduktion der Gassensensationen. Die Darsteller Kerstin Eichenauer, Gerry Fuchs, Monika Hebbeker, Sabine Kanka, Eva Kissel, Hanne Kleinemas, Veronika Petz, Lukas Ritter, Anne Rothermel und Renate Westphal führten die Zuschauer in die geheimnisvolle Welt der Träume. Eine wunderschöne und einfühlsame Inszenierung.
Cia Sebas aus Spanien mit seinem zirzensischen Objekttheater „Acorde“ war am Freitag und Samstag zu Gast im Park. Sebas führte sein Publikum durch sein kleines Paradies, das er liebevoll und mit großem Erfindungsreichtum ausgestattet hatte. Acorde ist ein Mosaik aus humorvollen Szenen, in denen aus Spiel Akrobatik wird, und Absurditäten des Alltags, die die Zuschauer zum Nachdenken und Lachen bringt.
Fautsches Viertel
Von „Sagenhaften Frauen“ berichtete die szenische Laternenführung im Fautschen Viertel. In diesem Jahr hatten einige Laternenführer unter Leitung von Konny Tremper eine szenische Laternenführung mit vier Erzählungen erarbeitet, die im romantischen Fautschen Viertel an den vier Abenden der Gassensensationen zur Aufführung kamen. Eine wunderschöne Inszenierung! Die Ausführenden waren: Kornelia Tremper, Reiner Diehlmann, Felix Diehlmann, Martina Diehl, Pia Keßler-Schül, Nobert Schül (Musik) und Horst Kirschhöfer (Musik)
Nunmehr zum dritten Mal hatten die Organisatoren des Straßentheater Festivals die Programmstruktur so geplant, dass jeweils zwei Veranstaltungstage deckungsgleich angelegt waren. So ließen sich die Besucherströme etwas besser lenken, so dass es nicht zu all zu großen "Engpässen" kam.
Die Qualität des Programms, das unterschiedliche Genres dieser Sparte bietet - von schwerer Kost bis zur Comedy - aber auch die Tatsache, dass Menschen jeder Altersgruppe, vom Kind im Vorschulalter bis zum Senior, die Theater - Veranstaltungen ansteuern, ist sicherlich ein Grund für die hohen Besucherzahlen.
Wie sehr sich die Heppenheimer selbst - und nicht nur die, sondern auch Menschen aus den Nachbarstädten mit ihrem Festival identifizieren, beweist die große Anzahl von Mitgliedern bei den "Freunden und Förderern der Gassensensationen", von denen sich viele mit Verve auch persönlich einsetzen etwa beim Brezel- oder Getränkeverkauf.
Wieder über 80 ehrenamtliche Helfer waren dieses Jahr pausenlos im Einsatz. Mehr als die Hälfte rekrutierte sich aus Mitgliedern des Vereins "Freunde und Förderer der Gassensensationen". Elke Schütz, die den Verein z.Z. gemeinsam mit Christina Mitsch kommissarisch leitet, hatte wieder in einem detaillierten Einsatzplan für den reibungslosen Ablauf gesorgt. Eine ganz hervorragende Arbeit die maßgeblich zum Gelingen des Festivals beigetragen hat!